Authentisch = selbstsicher?

Authentisch = selbstsicher?

Warum es nicht gut ist authentisch zu sein

Jeder will authentisch sein. Wir erwarten auch, dass andere sich authentisch verhalten. Genau genommen, überprüfen wir ständig die Authentizität anderer. Zumindest glauben wir das. Streng genommen ist das aber falsch, denn authentisches Verhalten gibt es nur selten. Und dann gefällt es uns meistens nicht einmal.

Authentisch = selbstsicher? | #SelbstsicherLive

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In diesem Video erfährst Du

  • was es wirklich bedeutet authentisch zu sein
  • wie authentisch sein und selbstbewusst sein zusammenhängen
  • wie Du Dein authentisches Selbst findest

Dieser Artikel ist eine Essenz aus dem obigen Video. Den kompletten Live-Video kannst Du Dir oben ansehen. Er wurde schon vor dem Selbstsicher-Kongress aufgenommen.

 

Was Authentizität wirklich bedeutet

Das ganze Thema Authentizität ist so spannend, dass ich vor einiger Zeit ein ziemlich ausführliches Buch dazu geschrieben habe. Es heißt Professionelle Authentizität und beschäftigt sich mit dem folgenden Thema.

Es gibt unterschiedliche Ansätze Authentizität zu definieren. Ein Produkt ist authentisch, wenn es typisch für eine Region ist und auch wirklich dort produziert wird. Im Management definiert man Authentizität im Sinne von „Walk your talk“ was so viel bedeutet wie lebe selbst was Du von anderen erwartest.

Uns geht es um die Definition aus der Soziologie und Biologie. Dort heißt es vereinfacht:

Authentisch ist ein Mensch dann, wenn er sich so verhält wie es ihm in seinem Inneren gerade zumute ist. Und zwar ohne Rücksichtnahme auf eigenen Ziele oder Erwartungen anderer.

Klingt prima, oder? Zumindest auf den ersten Blick.

Nur: würde sich ein Mensch so verhalten, würden wir das keineswegs gut heissen. Und er selbst würde auch nicht glücklich damit.

 

 

Ohne Rücksicht auf eigene Ziele

Wenn Du Dich so verhältst, dass es Dir kurz darauf besser geht, würde das bereits der Definition widersprechen. Dein Verhalten ist nicht mehr authentisch sondern absichtsvoll. Erst recht gilt das, wenn es sich um größere Ziele handelt: Weil Du von jemanden etwas bekommen willst, weil Du auf ein Ziel hin arbeitest, weil Du für Deine Zukunft vorbaust.

Natürlich verhältst Du Dich fast ständig so, dass Du in Zukunft keine Nachteile daraus ziehst. Gut, es kommt mal vor, dass wir den aktuellen Spaß vorziehen und kleinere Nachteile in Kauf nehmen. Doch bei den allermeisten Dingen hast Du immer die Zukunft im Blick.

 

Ohne Rücksichtnahme auf die Erwartungen anderer

Ja, es ist ziemlich blöd sich immer nach den anderen zu richten. Aber gar nicht? Nennt man das nicht Egoist? Oder Eigenbrötler? Oder Weltfremder? Oder Stromberg?

Wir leben in einer sozialen Gemeinschaft und selbstverständlich gehört es dazu auf andere Rücksicht zu nehmen. Auch für Deine eigenen Ziele brauchst Du die Unterstützung anderer. Beispielsweise Deiner Familie.

Jedes System hat auch bestimmte Regeln, Ein System ist die Familie, die Clique, das Team im Sport oder der Firma aber auch die Gesellschaft. Dazu kommen Gemeinschaften, Kirchen, Parteien, Verbände … Du bist Teil einer Reihe von Systemen. In der Firma beispielsweise: Du und die, die mit Dir im Büro sitzen. Das Team in dem Du arbeitest. Die Abteilung, der Bereich. Der Standort. Die Arbeitnehmer, wenn Du angestellt bist. Die Firma als Ganzes. Der Konzern, falls das auf die Firma zutrifft …

Jedes System hat bestimmte, meist ungeschriebene und unausgesprochene Regeln. Nur bei den ganz großen Systemen gibt es schriftliche Regeln, die man dann Vertrag oder Gesetz nennt. Und wer sich nicht an die Regeln hält wird gerügt, bestraft oder gar ausgegrenzt.

Die Regeln, diese Erwartungshaltungen, nicht zu erfüllen ist Harakiri. Das geht bei Jugendlichen los, bei denen ein bestimmter Fußballverein, eine bestimmte Musik, Kleidungsmarke oder ein bestimmtes Accessoire ein Muss ist. Wer das nicht hat, ist nicht dabei und sitzt im hinteren Drittel der Klasse und keiner kommt zur Geburtstagsparty.

Ausgrenzung hat früher den sicheren Tod bedeutet. Deshalb haben wir ein gutes Gespür dafür, welche Spielregeln wir einhalten müssen.

Authentizität ist also nicht das, worauf es tatsächlich ankommt. Im Gegenteil!

 

Was wirklich zählt

Was wir bei anderen tatsächlich kontrollieren und ganz genau beobachten ist nicht Authentizität, es ist Kongruenz. Dabei achten wir genau darauf, ob das, was die Person sagt, sich genau mit der nonverbalen Kommunikation, also Stimme, Sprachwahl, Körpersprache und Erscheinungsbild, übereinstimmt. Ob das Was und das Wie zusammenpassen.

Ein Faktor ist beispielsweise das Timing: Kommt eine Bewegung, beispielsweise eine Geste, auch nur einen Bruchteil einer Sekunde zu spät, läuten die Alarmglocken. Wir vermuten ein Unstimmigkeit, wenn nicht gar eine Unwahrheit. Oder behauptet die Person etwas, der Körper wirkt dabei aber unsicher, zweifeln wir an der Überzeugtheit oder gar der Kompetenz.

 

Die Angst, die Authentizität zu verlieren

Nach dem bisher geschriebenen muss es natürlich tatsächlich heissen: die Angst, die Kongruenz zu verlieren. Denn das ist es, was ich häufig höre, wenn die Rede von Arbeiten am Auftreten ist, an den Ausdrucksmitteln Körpersprache, Stimme und Sprache. Diese Gefahr besteht. Jetzt passt Deine Körpersprache zu Deinen Gedanken statt zu Deinen Worten. Das spürt der Betrachter.

Denn zumindest zu Beginn machst Du die Dinge sehr bewusst. Überlegst beispielsweise wie Du eine Geste ausführen willst. Das würde ein anderer merken. Es wirkt nicht mehr kongruent.

Der geheime Schlüssel: Durch Übung und Training wird es schnell wieder kongruent. Wie beim Sport, bei dem der Anfänger auch unbeholfen wirkt während es beim Geübten natürlich aussieht. Mit Übung denkst Du nicht mehr nach sondern es wird zu einer neuen Gewohnheit. Diese wirkt wieder kongruent und vollkommen natürlich.

 

Kann man überhaupt authentisch leben?

Zurück zur tatsächlichen Authentizität. Kann man wahrhaft authentisch leben? Ja, vereinzelt gibt es Menschen, die das können. Das liegt auch daran, dass nicht jedes authentische Verhalten gleich andere abstößt. Der Dalai Lama wirkt zumindest nach außen so, als würde er weite Teile authentisch leben. Ich vermute aber stark, dass das auch ihm nicht immer gelingt, da er beispielsweise Unterstützer braucht oder reisen will. Hinter einer Reise mit Ziel steckt eine Absicht.

Der Papst ist definitiv nicht authentisch, mit all den Regeln, denen er unterworfen ist. Sehr authentisch lebende Menschen haben entweder kein Interesse mehr an anderen Menschen wie z. B. der Clochard, der auf der Straße lebt. Oder sie vergraulen auf der einen Seite eine Menge Leute und ziehen vielleicht ein paar ähnlich fühlende Menschen in ihr Leben. Gurus beispielsweise.

Was wir aber wirklich wollen ist kongruent zu sein. Stimmig. Echt. Ehrlich.

Ansonsten geht es um die Balance und darum in den richtigen Punkten auf Erwartungshaltungen zu achten. Keine gute Idee ist es beispielsweise den Selbstwert von anderen oder dem Vergleich mit anderen abhängig zu machen.

Herzlich
Michael

 

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